SolidCraft: Open-Source-CAD im Fusion-360-Stil, gratis

Du sitzt vor einem CAD-Programm, drückst L für die Linie, D für die Bemaßung, E für Extrude, und alles fühlt sich an wie Fusion 360. Nur dass das Ganze Open Source ist, nichts kostet und sich direkt im Browser öffnen lässt. Das Ding heißt SolidCraft, und das Verrückte daran: Es ist keine zwei Wochen alt. Im Video zeige ich dir, was es schon kann, wo es noch hakt und wie es so schnell entstehen konnte. Hier steht alles zum Nachlesen.

Was ist SolidCraft?

Den Tipp hat mir Lars von den Filamentfreunden gegeben. Danke dir, Lars, das war Gold wert.

SolidCraft ist ein parametrisches 3D-CAD. Falls dir das Wort nichts sagt: Du zeichnest eine Skizze, gibst ihr Maße und ziehst daraus einen Körper. Jeder Schritt landet in einer Zeitleiste. Änderst du später ein Maß, baut sich das ganze Modell neu auf. Genau so arbeitet Fusion auch.

Geschrieben ist das Programm in Rust, und es läuft auf vier Wegen: als Desktop-App für Windows, Mac und Linux, direkt im Browser, als Kommandozeilentool und als MCP-Server. Zu dem letzten Punkt komme ich weiter unten im Bonus.

Eine Sache vorweg zum Download: Die Dateien sind laut README noch nicht signiert. Unter Windows kommt deshalb beim Start die SmartScreen-Warnung. Am Mac machst du beim ersten Mal einen Rechtsklick und dann Öffnen. Nur damit du dich nicht wunderst.

Erster Eindruck: Sieht aus wie Fusion, ist sofort da

Wer Fusion nutzt, kennt das: Der Start dauert gern mal ein Minütchen, dann bist du nicht mehr eingeloggt, dann will noch ein Update gezogen werden. Bei SolidCraft klickst du auf Öffnen, und es ist direkt da. Wirklich direkt.

Die Oberfläche sieht verdammt ähnlich aus wie bei Fusion. Ich lege einen Sketch an, wähle die Ebene, ziehe ein Rechteck auf, schließe den Sketch ab und drücke E für Extrude. Zehn Millimeter sind voreingestellt, ich tippe direkt zwanzig ein. Fillet und Chamfer funktionieren genauso: Kanten auswählen, zwei Millimeter eingeben, fertig. Schon hast du ein Rechteck mit abgerundeten Ecken.

Auch in den Create- und Modify-Menüs findest du die Standardwerkzeuge, die du aus Fusion kennst: Rectangular Pattern, Circular Pattern, Pattern on Path, Move, Copy. Selbst die Shortcuts sind gleich. Unten in der Zeitleiste kannst du jederzeit zu einem früheren Schritt zurück. Klickst du auf den Sketch, kannst du ihn nachträglich bearbeiten, zum Beispiel das Seitenverhältnis ändern, und die Box aktualisiert sich. Genau das, was ein parametrisches CAD machen soll.

Was mir sofort auffällt: Es ist wirklich schnell. Auch ein neues Projekt ist direkt da, und du kannst gleich weiter sketchen. Als zweites Beispiel habe ich eine Linienkontur gezeichnet und mit dem Revolve-Werkzeug um die Achse rotiert. Raus kam ein Lampenschirm. So einfach, wie du es dir vorstellst.

Die verrückte Entstehungsgeschichte

Das ist der Teil, der mich am meisten wundert. Die Zahlen, alle mit Stand 18.10.2026:

  • Der erste Commit im Repo ist vom 7. Oktober 2026, das sind elf Tage.
  • Seitdem sind rund 1.520 Commits zusammengekommen.
  • Es gibt über 30 Releases, aktuell ist Version 0.15.0.
  • Auf GitHub hat das Projekt über 5.200 Sterne.
  • Die meisten Commits kommen von einem Entwickler, dazu kommen über 100 weitere Mitwirkende.
  • Das geht natürlich nicht ohne AI. Wenn du durch den Commit-Verlauf scrollst, steht bei sehr vielen Commits der Zusatz „Co-Authored-By: Claude“. Das Projekt hat eine eigene CLAUDE.md mit Anweisungen für Agenten, und die Roadmap rechnet in Agentenstunden. Ein Blogpost auf botmonster.com bringt es im Titel auf den Punkt: eine Fusion-Alternative, die eine AI in zehn Tagen geschrieben hat. Das ist deren Formulierung, nicht meine.

    Ich sage dir ehrlich, wie ich das einordne: Das Tempo ist beeindruckend, aber Tempo ist noch kein Qualitätsurteil. Ob das Ding wirklich etwas taugt, zeigt sich erst, wenn man damit etwas baut.

    Export und ab in den Slicer

    Für den 3D-Druck gehst du auf „Save as Mesh“, wählst den Körper aus und exportierst ihn als STL oder 3MF, ganz wie du willst. Du kannst ihn sogar direkt an den Slicer schicken. Ich habe das mit OrcaSlicer ausprobiert: ein Klick, und das Objekt liegt dort, genau wie ich es haben wollte. Im Slicer gab es noch ein paar Probleme an den Ecken, aber mein Testkörper schwebte auch in der Luft. Dass der Weg funktioniert, hat man gesehen, und das finde ich ultra spannend.

    Läuft auch im Browser, sogar offline

    Wenn du nichts installieren willst, gehst du auf solidcraft.io/app. Der Browser fragt dann, ob solidcraft.io Daten im Persistent Storage speichern darf. Das bedeutet nur, dass das, was du speicherst, lokal auf deinem Rechner landen darf. Ja, das dürfen wir. Dann neues Design, Rechteck, E für Extrude, und es funktioniert einfach. Total schnell.

    Weil der Persistent Storage läuft, lädt der Browser die gesamte Anwendung einmal lokal herunter. Das heißt, du kannst sogar offline arbeiten und brauchst keine ständige Online-Verbindung. Die Ladezeit wird mit dem Funktionsumfang wohl noch wachsen, aber wir reden hier von ein paar Sekunden.

    Bonus: Claude konstruiert per MCP

    MCP klingt kompliziert, ist hier aber schnell erklärt: Ein AI-Assistent wie Claude kann SolidCraft direkt bedienen. Er zeichnet Skizzen, zieht Körper hoch, setzt Parameter, misst nach und macht Screenshots, ganz ohne dass du klickst. Die Anleitung zum Einrichten steht in der Doku von SolidCraft, den Link findest du unten.

    Ich habe SolidCraft und Claude Desktop nebeneinander geöffnet und Claude gebeten, einen parametrischen Düsenhalter für M6-Düsen zu bauen. SolidCraft lässt sich in einem Modus starten, in dem man die Aktionen der AI live mitverfolgen kann. Nach kurzer Zeit stand der Halter da, zunächst als Reihe mit sechs Löchern, inklusive Abrundungen.

    Dann kommt der Vorteil eines parametrischen Tools: Ich sage Claude, ich möchte acht Löcher. Er setzt den Parameter für die Anzahl auf acht, und schon hat der Halter acht Löcher in einer Reihe. Der Block ist dabei automatisch auf 112 × 14 × 13 Millimeter gewachsen. Parametrisches CAD plus MCP-Anbindung, das ist schon ziemlich erste Sahne.

    Was noch fehlt

    Jetzt ehrlich: Das Projekt sagt über sich selbst, es ist „early but usable for simple parts“, also früh, aber brauchbar für einfache Teile. Laut Roadmap sind aktuell zurückgestellt:

    • CAM, also Fertigung
    • technische Zeichnungen
    • Simulation
    • Rendering
    • der Form-Modus mit T-Splines, also freies Modellieren organischer Formen wie in Fusion
    • Das ist der Stand von heute, kein Versprechen für später. Dazu kommen rund 800 offene Issues. Bei einem so jungen Projekt ist das nicht automatisch schlimm, aber du solltest auf jeden Fall mit Bugs rechnen.

      Und Autodesk?

      Das Thema hast du dir vermutlich schon gedacht, denn SolidCraft ähnelt Fusion sehr. Im README steht ausdrücklich, dass das Projekt nicht mit Autodesk verbunden ist und von Autodesk weder gesponsert noch unterstützt wird. Wie Autodesk dazu steht, weiß ich nicht, und ich will da auch nichts andeuten. Ich hoffe nur, dass das Projekt bestehen bleibt, denn freie Alternativen tun uns allen gut.

      Fazit

      Für alltägliche Konstruktionen ist SolidCraft schon jetzt richtig gut: komplett Open Source, frei nutzbar, sehr schnell, und du kannst es im Browser öffnen oder herunterladen. Ich finde das eine kleine Sensation. Aber es ist eben auch früh. CAM, Zeichnungen, Simulation und der Form-Modus fehlen noch, und das Projekt ändert sich im Tagestakt. Wenn du das später liest, kann einiges schon wieder anders aussehen.

      Für wen lohnt es sich jetzt schon? Auf jeden Fall für alle, die es ausprobieren wollen, besonders wenn du dich mit Fusion auskennst oder gerade einen Fusion-Kurs machst. Schau mal, ob du nicht gleich dieses Tool nutzen kannst. Lars hat damit schon einiges gebaut und ist hellauf begeistert. Ich werde mich in den nächsten Wochen auf jeden Fall ausführlicher damit beschäftigen.

      Jetzt bist du dran: Welche Fusion-Funktion würdest du als Erstes testen, oder welches Teil willst du damit bauen? Schreib es mir gern in die Kommentare.

      Links

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